Vielen Dank!

von | Apr 16, 2018 | Allgemein

Liebe Mainzerinnen und Mainzer,

als wir gestern Abend um 19:30 Uhr vom Oberbürgermeister den ersten Zwischenstand in der Pressekonferenz erfahren haben und dann eine Dreiviertelstunde später auch das vorläufige amtliche Endergebnis im Internet stand – da waren wir sprachlos. OK, zum Glück nicht alle – Nino hatte bei der Pressekonferenz die Sprache recht schnell wiedergefunden.

Aber es war schon jenseits aller Vorstellungskraft, was sich da aus den Zahlen ablesen konnte. Mit einer Beteiligung von 40% beim Bürgerentscheid und 77,3% Stimmen für den Erhalt des Liebfrauenplatzes, wurde es ein herausragendes Ergebnis für unsere Stadt und weit darüber hinaus! Ein Beweis der starken Bindung der Mainzerinnen und Mainzer zu ihrer Stadt.

Knapp 50.000 NEIN-Stimmen

In Städten mit 200.000 Einwohnern haben Bürgerentscheide eigentlich nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie mit einem anderen Wahltermin kombiniert werden. Vor dieser riesigen Hürde hatten wir von Beginn an am meisten Respekt. Das Ziel von 25.000+x Stimmen war schon sehr ambitioniert. Fast doppelt so viele wurden es am Ende!

Wenn man nun noch die gestrige Stimmenzahl in Relation setzt, mit dem letzten Ergebnis unserer Stadtratswahlen 2014, dann werden aus den 49.663 Stimmen, die gestern mit „Nein“ gestimmt haben, eine absolute Mehrheit von über 60%! Also mehr Stimmen, als die Koalition aus SPD, Grüne und FDP zusammen. Das zeigt die wahre Bedeutung des gestrigen Abends.

Aber nicht, weil wir uns mit einem solchen Ergebnis gegen die Parteien stellen wollen. Nein, weil wir damit bewiesen haben, dass die Mainzerinnen und Mainzer in Ihrer Stadt mehr Beteiligung und Transparenz wünschen. Das wir nicht mehr einverstanden sind mit einer Stadtentwicklung, die uns nicht aktiv einbezieht. Oft genug wurden wir mit einer Architektur konfrontiert, als „Solitäre“ und „urbane Begegnungsstätten“ blumig umschrieben, die am Ende dann aber als leblose, kalte Plätze in der Stadt verwaisten und vergammelten. Schluss damit!

Ein kleines Kern-Team

Dieses Ergebnis von gestern Abend ist umso unglaublicher, wenn man denn auch alle Hintergründe unserer Bürgerinitiative und die Ausgangssituation kennt. Es war vor zwei Monaten, als wir begannen die ersten Spendenflyer zu drucken, um überhaupt etwas Budget zu haben für den anstehenden Wahlkampf. Kein einziges Plakat war gestaltet, kein Flyer, keine Pressetexte, keine Präsentation – von Filmen konnten wir zu diesem Zeitpunkt nicht einmal träumen.

Im Kern unserer Bürgerinitiative waren es eben nur ganz wenige Personen, die all diese Aufgaben stemmen mussten. Ehrenamtlich sowieso, aber nun auch unter maximalem Druck und vorwiegend zu Zeiten, wo andere sich dann von der Arbeit ausruhen, die Freizeit gestalten oder einfach mal schlafen.

Binnen weniger Wochen mussten wir lernen, wie ein Wahlkampf zu organisieren ist. Oft genug die Köpfe heißgeredet, aber zum richtigen Zeitpunkt dann auch gute Ideen und noch viel kreativere Helferinnen und Helfer um uns gehabt. Denn die haben es am Ende ausgemacht, das wir nicht irgendwann in der heißen Phase völlig erschöpft aufgegeben haben.

Daher sei noch einmal allen von Herzen gedankt, die uns so engagiert unterstützt haben! Denn das gab auch immer uns wieder neue Kraft in den Zeiten, wo der Akku sich komplett zu entladen drohte.

Die Idee mit den Videos

Beispielhaft auch die Kreativität, mit der dann die Filme entstanden sind. Die Stimmen der Mainzerinnen und Mainzer bekamen so ein Gesicht und ihre Gefühle zum Liebfrauenplatz ein ganz anderes Gewicht im Wahlkampf. Binnen 48 Stunden hatten den ersten Film in Facebook bereits über 20.000 Menschen angesehen.

Nein, es war nicht das Werk einer bezahlten Agentur. Es war auch hier ein einzelner Mainzer, der mit seiner Kamera diese Stimmen und die Stimmung eingefangen, professionell geschnitten und vertont hat. Ich weiß noch, wie ich um 22 Uhr zu ihm gefahren bin, um alles frisch bearbeitet auf den USB-Stick kopierte, damit wir den Film am nächsten Tag auf unserer Pressekonferenz präsentieren konnten. Eine tolle Leistung von ihm!

Natürlich helfen auch die technischen Möglichkeiten von sozialen Netzwerke wie Facebook, binnen kürzester Zeit die Botschaften zu verteilen oder zu bewerben. Aber es waren am Ende doch die Menschen, die es ausgemacht haben, dass daraus ein solch herausragendes Ergebnis entstehen konnte. Ohne persönliche Ansprache geht es nicht! So viele haben im Kreise der Familie, Freunde, Verwandte und Arbeitskollegen für uns geworben – vielen lieben Dank dafür!

Warum der erste Bürgerentscheid in Mainz so wichtig ist

Eines war uns sehr bewusst, als wir da im Februar in diese neue Situation starteten.

Schaffen wir es nicht, aus der hohen Aufmerksamkeit, die das Projekt „Bibelturm“ bereits zu diesem Zeitpunkt auch Dank der Unterschriftensammlung hatte, einen erfolgreichen 1. Bürgerentscheid mit entsprechender Beteiligung zu gestalten – es würde allen nachfolgenden Bürgerinitiativen die Kraft nehmen, zukünftig für einen solchen Bürgerentscheid zu werben. Dieser Verantwortung wollten wir unbedingt gerecht werden.

Und umso stolzer sind wir, dass nun jede Mainzerin, jeder Mainzer erleben durfte, dass der Weg zu mehr Bürgerbeteiligung funktioniert. Das daraus wirklich ein verbindlicher Entschluss folgt, wie es auch dankenswerterweise gestern Abend Herr Ebling in der Pressekonferenz ohne „Wenn und Aber“ formuliert hat: Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Mainz sind „höchster Souverän der Stadt“!

„Nein“-Sagen bedeutet auch Verantwortung zu übernehmen

Oft genug wurden wir bei unserem Stand angesprochen, dass es doch sowieso nichts bringe, eh schon entschieden sei, im Rathaus keiner die Entscheidung respektieren würde – das Gegenteil ist der Fall! Wir haben bewiesen, dass die Stadt Mainz von den Bürgerinnen und Bürgern mitgestaltet werden kann, wenn sie denn bereit sind, sich aktiv einzubringen.

Und so ist es für uns selbstverständlich, dass wir uns weiter aktiv einbringen werden. Vor allem bei der anstehenden Neuplanung rund um das Gutenberg-Museum. Es gibt viele Ideen, die wir gerne einbringen möchten. Doch vorher braucht es sicherlich etwas Zeit, bis sich alle Verantwortlichen nach diesem Ergebnis sortiert haben.

Wir sind auf alle Fälle sehr offen und freuen uns auf eine Zusammenarbeit mit der Stadt Mainz, dem Gutenberg-Museum und der Gutenberg-Stiftung. Bereits gestern meldeten sich zahlreiche Mainzerinnen und Mainzer, die gerne ebenfalls aktiv werden möchten. Lasst uns darauf aufbauen – die vorhandene Energie nutzen!

Vom ersten Schritt zu einer ganzen Bewegung

Für alle, die in Zukunft auch etwas in Mainz verändern wollen, sei gesagt, dass es immer mit einem einzelnen Menschen beginnt, der aufsteht. Thomas Mann hatte vor über zwei Jahren mit einem Leserbrief diese Bewegung ausgelöst.

Bis gestern Abend wurden wir so oft als Minderheit tituliert und abgewertet – dies hat nun ein demokratisches Ende gefunden. Mit 77,3% der Stimmen haben wir die passende Antwort gegeben. Es gilt also nicht nur im Fußballstadion das Motto „Aufstehen wenn ihr Mainzer seid“!

Die Kraft der Poesie

Zum Abschluss ein Gedicht von einem großen Wahlmainzer – dem Kabarettisten und Poeten Hanns-Dieter Hüsch. Ich hatte es im Februar „ausgegraben“ und wollte es schon einmal in Facebook stellen. Ich denke es passt nun zum Abschluss unseres Weges. Ein Weg der mit einem Mainzer begann und dem sich dann gestern 49.663 Mainzerinnen und Mainzer angeschlossen haben.

Lieben Gruß und einen motivierten Start in eine neue Woche – Turmfrei!
Gregor Knapp

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Marsch der Minderheit
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He Du, mein gebildeter Bürger,
Genosse Bürger, Bildersammler, Bücherwurm,
Konzertabonennt, liberaler Ästhet,
Mozartfan,
Komm mit, wir sind auf dem Marsch,
Komm mit, wir brauchen Dich!
Nicht nur unterschreiben,
Wenn Sartre unterschreibt!
Komm mit, Genosse Bürger,
Wir brauchen Dich wirklich!

Freunde, noch sind wir wenige
Doch täglich werden wir mehr.
Wir sind weder Playboys noch Könige,
Und wir haben kein grausames Heer!
Doch wir sind auf dem Marsch
Schon jahrhunderteweit,
Durch Flüsse und Dschungel Gebirge und Eis,
Auf dem Marsch der Minderheit!

Man kann uns in lieblichen Gärten
Als Vergnügungsfackeln verbrennen,
Doch man kann unsre Herzen
Nicht von unsren Hoffnungen trennen;
Denn wir sind auf dem Marsch
Schon jahrtausendelang.

Für eine bessere Welt,
Für eine glücklichere Zeit,
Sind wir auf dem Marsch,
Auf dem Marsch der Minderheit…

(Auszug aus Gedankengänge eines fahrenden Poeten, Hanns-Dieter Hüsch)

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